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Augenkrebs und Depressionen Dank Corporate Design

17.05.2011

Meinungsbeitrag von Vera Brannen in der i-com
Jahrgang  10 (2011) Heft 1, S. 80
DOI 10.1524/icom.2011.0013

Als Usability Experte fu?hre ich immer wieder Tests mit Benutzern von Websites, Intranets und Software meiner Kunden durch. Ich beobachte, befrage und interviewe. Ich untermauere, bewerte und spreche dann konkrete Empfehlungen aus. Empfehlungen zur Optimierung von Funktionalita?ten nimmt der Kunde meist herzlich auf. Vorschla?ge zur effizienteren Gestaltung von Prozessabla?ufen setzt er in die Realita?t um. Innovationsprozesse werden eingeleitet. Er setzt die ToDo Liste der Testergebnisse sukzessive um – das Produkt wird kundenorientierter.
Nur in einem konkreten Szenario stoße ich immer wieder auf Widerstand: wenn die Empfehlungen – obwohl auf klaren Nutzermeinungen basierend – dem Corporate Design widersprechen. Weshalb nur gilt das CI/CD als in Stein gemeißelte Wahrheit, der Styleguide als heilige Bibel, wa?hrend Interaktionskonzepte diskussionslos optimiert werden ko?nnen?

Auch ich bin ein strenger Verfechter von konsistenter und medienu?bergreifender Kommunikation des Brands. Die Wiedererkennung der Marke ist zentral. Markenwerte und Markenassoziationen – auch durch das CI/CD kommuniziert – sollen nicht leichtfertig oder gar unu?berlegt gea?ndert werden. Ihr Aufbau dauert zu lange. Doch wenn zum Beispiel das vorgeschriebene Design die Motivation oder Produktivita?t der Mitarbeiter offensichtlich in Mitleidenschaft zieht, sollte gehandelt werden. Oft beobachte ich auch, dass ein CI/CD fu?r eine Website erstellt wurde und dieselben Regeln fu?r intern angewandte Software oder das Intranet gelten. Der Kunde, der die Website besucht, kommt vielleicht alle drei Monate vorbei und verweilt großzu?gig gerechnet fu?nf Minuten auf der Website. Ein Mitarbeiter hingegen muss die Software oder das Intranet meist ta?glich u?ber meh- rere Stunden hinweg bedienen; ein anderer Nutzungskontext, der andere Anforderungen an das System mit sich bringt.

Nur zwei Beispiele:
Fall 1: Das CI/CD ist leuchtend gelb. Eine scho?ne und einpra?gsame Farbe – wenn man sie nicht la?nger als fu?nf Mi-nuten ansehen muss. Bei der internen Software, mit der rund 10.000 Mitarbei- ter arbeiten mu?ssen, la?sst die bald grell wirkende Farbe, die als Bildschirm fu?llende Hintergrundfarbe eingesetzt wird, die Augen schnell ermu?den. Die schwarze Schrift beginnt u?ber den Monitor zu tanzen. Die Augen tra?nen. Im Namen des Corporate Designs.

Fall 2: Ein edles Metallgrau zieht sich in einem angenehmen Verlauf u?ber die Website und visualisiert die zentralen Markenwerte gekonnt. Im Intranet ist die Hintergrundfarbe der Seiten auch grau: Aussagen wie „Das Intranet macht mich depressiv“ oder „Ich will nicht ta?glich in einer Nebelsuppe arbeiten“ reflektieren die Gefu?hle der Mitarbeiter. Beim Relaunch des internationalen Intranets wird der Hintergrund weiß. Doch der Design-Agentur bleiben die Ha?nde gebunden. Mit rund sechs Grauabstufungen, Schwarz und Weiß muss das Intranet gestaltet werden, inklusive Linkauszeichnungen, Titeln und Hinweisen. Das Design: professionell umgesetzt im Rahmen des Mo?glichen; aus Mitarbeitersicht immer noch ku?hl, distanziert, reserviert; aus Usability-Sicht wu?rden Farbtupfer die visuelle Fu?hrung des Benutzers sicherlich erleichtern.

Visuelles Design hat aus meiner Sicht im mer zwei ganz konkrete Aufgaben:
1) Design muss den Brandinhalt zielgruppengerecht kommunizieren und die Marken relevanten Emotionen erzeugen. Kreatives und innovatives Design versta?rkt die Brandmessage und hebt das Produkt von der Konkurrenz ab. Die Produkte werden als vertrauenswu?rdiger und qualitativ hochwertiger wahrgenommen.

2) Zum Zweiten ist gutes visuelles Design die Kunst, die Aufmerksamkeit des Benutzers auf der Site zu beeinflussen, um Bedeutung, Reihenfolge und Interaktionspunkte zu kommunizieren. Es gilt, den hohen Qualita?tslevel, der im Inter- aktionsdesign erreicht wurde, visuell zu „beleben” und dabei zentrale Usability Standards einzuhalten.

Ich fordere auf und rege an, dass auch ein Corporate Design auf Benutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit getestet und optimiert wird. Dass der Nutzungskon- text evaluiert wird und die Designanforderungen an die konkreten Bedingungen angepasst werden. So vieles ist mo?glich im Rahmen eines CI/CD – ohne, dass der Brand verwa?ssert wird. Ganz nach dem Motto: Building Usable Brands.